Herzlich Willkommen auf dem IGZ-Blog!

Herzlich Willkommen auf dem IGZ-Blog! Lass Dich von unserem prätentiösen Namen nicht abschrecken. Entstanden sind wir auf einer Kaffefahrt über den Zürichsee. Wir sind kein Verein, sondern ein Freundeskreis und interessieren uns für alles, was das Leben in einem spätmittelalterlichen Städchen ausmacht - und für dessen jeweilige Rekonstruktion. Hier auf unserem Blog berichten wir von unseren Aktivitäten und über unsere verschiedenen Projekte. Schau doch ab und zu mal vorbei, falls wir Dein Interesse geweckt haben.

Dienstag, 6. August 2013

Wollkutte und Sandalen - Erfahrungen aus dem Einstieg in die Lebendige Geschichte. Ein Gespräch unter Freunden.



Gibt man auf Google in der Bildersuche die Begriffe „Reenactment“ und „Franziskanermönch“ ein, so erscheint gleich an erste Stelle das Bild eines bärtigen Mannes, mit Tonsur und in der typischen, naturfarbenen Wollkutte des Ordens. Das selbe Resultat erhält man bei einer Eingabe in englischer Sprache. (Stand März 2013, anm. d. Verf.). Hierbei handelt es sich um Ralph Küng. Er ist historischer Darsteller, Mitglied der Company of St. George sowie bei der IGZ mit dabei. An Veranstaltungen fällt auf, dass Ralph als Foto-Sujet sowohl bei Museumsbesuchern als auch bei der Presse sehr beliebt ist. Welche Erfahrungen macht Ralph in dieser markanten Darstellung? Wie ist er überhaupt dazu gekommen und in welche Richtung entwickelt sich diese Rolle? Darüber gibt Ralph mir im folgenden Gespräch Auskunft.

Ralph, wen stellst Du dar?
Ich stelle einen Laienbruder dar. Einen Franziskanermönch mit geringer Bildung, der im späten 15.Jahrhundert lebt und aus dem Barfüsserkloster Zürich stammt.

Welchen sozialen Hintergrund könnte Deine Figur haben? Warum wurde dieser Mensch ausgerechnet Franziskaner?
Die soziale Schicht der Herkunftsfamilie meiner Figur ist für mich von keiner grossen Bedeutung. Es war zu jener Zeit durchaus üblich, ein später geborenes Kind in ein Kloster zu geben. Die Entscheidung, dass meine Figur dem Orden der Franziskaner angehören sollte, fällte ich intuitiv. Ich kann mich mit der Lehre des Franz von Assisi auch privat ein Stück weit identifizieren. Das führte wohl zu dieser – weniger historisch, als persönlich geprägten Wahl.

Seit wann bist Du im Hobby? Wie hast Du Deinen Einstieg in Erinnerung?
Im Hobby bin ich seit Anfang 2011. Mein erster Event war ein Besuch auf der Meersburg, bei der Gruppe Ulmer Aufgebot 1475. Das war eine spannende Erfahrung. Plötzlich war ich umgeben von vielen Leuten, die meine Interessen teilten. Mein erster Event mit der Company of St. George war im Juni des selben Jahres. Wir belebten das Château de Gruyères und das war sehr eindrücklich. Alles wirkte irgendwie „echt“ und es gab manchmal wirklich Momente, in denen ich eintauchte und mir vorstellte, wie es in der mittelalterlichen Gesellschaft zu und her ging.

Auf welche Quellen stützt sich Deine Darstellung? Sind es immer noch die gleichen wie am Anfang, oder sind weitere Einflüsse dazu gekommen?
Giotto. Oberkirche, Assisi.
Bei den schriftlichen Quellen orientierte ich mich zu Beginn an der Basis, den überlieferten Ordensregeln des Franz von Assisi. Im Weiteren an der Geschichte des Ubertino de Casale. In Bezug auf die äussere Erscheinung an den Werken von Giotto, seinen Nachfolgern sowie weiteren Bildquellen aus dem mitteleuropäischen Spätmittelalter. Heute kommen überwiegend schriftliche und bildliche Quellen hinzu, die das Erscheinungsbild und Verhalten der Franziskaner in der spätmittelalterlichen Gesellschaft dokumentieren.

Ralph, Du bist in der Szene zwischenzeitlich, zumindest, was Deinen „Look“ angeht, als einer der besten Mönchsdarsteller bekannt. Warum kommt Deine Darstellung bei anderen Darstellenden so gut an?
Vielleicht beeindruckt die Leute meine Tonsur? Ich gebe mir Mühe, meine Darstellung so gut wie möglich zu machen – und dabei mich selbst zu bleiben. Während einem Event achte ich einfach darauf, dass keine modernen Gegenstände (Natel, Brille etc.) sichtbar sind. Die sichtbaren Teile meiner Ausrüstung sind historisch belegbar. Das ist mir wichtig.

Ich habe schon persönlich erlebt, wie sich die Museumsbesucher Dir zuwenden und auf Dich zugehen. Sie bringen Deine Darstellung mit populären Figuren aus Film und Fernsehen in Zusammenhang. Auf was achtest Du im Umgang mit dem Publikum?
Die meisten Museumsbesucher reagieren wirklich positiv. Ab und zu werde ich spasseshalber mit „Bruder Tuck“ angesprochen. Über solchen Sachen muss man stehen und darf sie nicht persönlich nehmen. Aufgrund meiner Tonsur, die ich übrigens nur ca. drei Mal pro Jahr schneiden lassen kann, halten mich einzelne Besucher auch für einen echten Mönch. Da muss ich dann sensibel vorgehen und die Leute aufklären. Es läge mir fern, jemanden in seinen religiösen Gefühlen zu verletzen.

Wie zufrieden bist Du, wenn Du zurückblickst auf die vergangenen beiden Jahre? Würdest Du heute etwas anders machen?
Ich hatte am Anfang das Glück, Dich Roger, bei der Company als kompetenten Host zu haben. Anna (In Nova Corpora), die meine Kleider nähte, war ebenfalls eine grosse Unterstützung. Von daher war das ein toller Einstieg ins Hobby. Was ich wirklich empfehlen kann, ist, sich möglichst genau Gedanken zu machen was man darstellen möchte. Man muss sich mit dieser Rolle auseinandersetzen. Was ich ursprünglich unterschätze, war der nötige Aufwand an Recherche. Recherchieren ist eine zeitraubende Beschäftigung – kann mit etwas Routine aber durchaus Spass machen. Weiter unterschätzte ich anfänglich, wie anstrengend das Leben im Mittelalter war. Ich war davon ausgegangen, eine vergleichsweise lockere Rolle zu haben. Rasch stellte sich heraus, dass das raue Leben im Mittelalter auch einem Mönch zusetzen kann.

Wie geht es weiter, Ralph? In welche Richtung entwickelt sich Deine Darstellung? Wie sehen Deine weiteren Ziele und Wünsche aus?
Was mich immer mehr interessiert, sind die verschiedenen Strömungen innerhalb des mittelalterlichen Franziskanerordens. Was geschah im Spannungsfeld zwischen dem völligen Verzicht auf eigenen Besitz und klösterlichem Leben in immer grösserem Wohlstand? Weiter beschäftige ich mich mit Quellen über Konflikte zwischen Klöstern und der weltlichen Gesellschaft. Vor allem versuche ich herauszufinden, wie damals ein Franziskaner lebte, der die Ordensregel nicht wortwörtlich umsetzte, sondern einem gemässigten Kloster angehörte, welches phasenweise auch Besitz und einen gewissen Komfort zuliess. Ich interessiere mich auch für die Auseinandersetzungen des Barfüsserklosters mit den Zürcher Priestern. Es ging dabei um Kompetenzstreitigkeiten betreffend der Seelsorge oder dem Spenden der Sterbesakramente. Insgesamt geht es mir einfach darum, meine Darstellung dichter, realistischer zu machen und den Museumsbesuchern noch besser Auskunft über das Leben der Franziskaner in Zürich geben zu können. Wünschen würde ich mir weitere Darstellende von Franziskanermönchen. Es wäre toll, wenn man gemeinsam recherchieren, austauschen und an der Darstellung arbeiten könnte!

(Alle Fotos: Roger Kolb)

Meinen herzlichen Dank an Ralph Küng für dieses Gespräch. Durch seinen etwas anderen Zugang zur Darstellung ergänzt und verfolständigt er das sonst häufig eher militärisch geprägte Bild an historischen Veranstaltungen. Wie oben erwähnt, wird Ralph von Presseleuten darum gern als vervielfältigendes Sujet ausgewählt. So erschien er unter anderem in der Zeitschrift Femina und in der Coopzeitung. Aus meiner Sicht stellen die von Ralph geschilderten Erfahrungen ein gutes Beispiel dar, wie der Einstieg in unser Hobby gelingen kann. Ralph wählte einen eigenwilligen Weg in eine ungewöhnliche und anspruchsvolle Rolle, den er dank tatkräftiger Unterstützung aus der Szene toll meisterte.

Roger Kolb, März 2013. (Ergänzt im August 2013).

Mittwoch, 23. Februar 2011

Rogers Rekonstruktion: Jakobspilger

Mitunter einer der meistbegangenen Pilgerwege aller Zeiten: der Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien. Der Jakobspilger zeichnet sich durch typische Atribute aus: Stab, Tasche, Hut, Mantel und Kürbisflasche.

In seinem Ratgeber beschreibt Hermann Künig von Vach 1494 den Weg durch das deutschsprachige Europa, Frankreich und Spanien bis ans Kapp Finisterre (das Kapp der Finsternis, Ende der Welt) an der spanischen Westküste. Dort soll der Leichnam des heiligen Jakobus nach der Überfahrt aus dem heiligen Land in Spanien angelangt sein. Seither liegt der Heilige angeblich in seinem Grab in der Kirche von Santiago de Compostela, etwa zwei Tagesmärsche von der Küste entfernt im Hinterland. Nebst den Wallfahrten nach Jerusalem und Rom gehört dieser Weg seit jeher zu den am meisten begangenen.
Die Habseligkeiten des Pilgers können anhand von Grabungsfunden, Bildquellen und schriftlichen Berichten nachempfunden werden. So wie unsere heutige Outdoor-Ausrüstung sowohl witterungsbeständig als auch bequem sein muss, stellt der Einsatz auf einer Pilgerfahrt hohe Ansprüche an die Qualität sowie die Haltbarkeit des Materials: Der Mantel muss möglichst viel Bewegungsfreiheit bieten und daher weit geschnitten sein. Als Beinbekleidung kommen Pluderhosen oder einfache Beinlinge in Frage. Der Filzhut muss nachträglich gefettet und anschliessend aufgerauht werden, damit Wassertropfen möglichst vollständig abperlen und er sich bei Regenwetter nicht vollsaugt. Der Pilgerstab ist mit einer geschmiedeten Spitze versehen, damit er unter der ständigen Belastung nicht splittert - und um allenfalls zur Abwehr von Raubgesindel und angriffigen Hofhunden eingesetzt werden zu können.

Der nicht von ungefähr "Pellerine" genannte Umhang des Pilgers besteht aus gewachstem Rindsleder. Er schirmt die Schultern sowie den restlichen Körper vom Regen ab. Als Vorlage für die Rekonstruktion dient ein Gräberfund aus Lourdes. Es scheint sich um die Pellerine eines heimgekehrten Jakobspilgers aus der Zeit um 1500 zu handeln.
(vgl. Berns grosse Zeit, Berner Lehrmittel- und Medienverlag 1999 ).
Filz, gefettete Wollstoffe, punziertes Leder sowie eine Vielzahl weiterer Materialien kommen bei der Rekonstruktion der Pilgerutensilien zur Verwendung. Durch den Einsatz historisch belegter Handwerkstechniken werden detailgetreue Nachbildungen hergestellt. Diese sorgen für ein eindrückliches Erscheinungsbild und ermöglichen später Aussagen über die Belastbarkeit und Lebensdauer der jeweiligen Materialien sowie über die Qualität der gewählten Verarbeitungsmethoden.

Gussformen für die Herstellung von diversen Alltagsgegenständen gehören zu den weit verbreiteten Funden durch diverse Epochen. Dies liegt wohl einerseits an deren Häufigkeit - andererseits an ihrer Beschaffenheit: sie bestehen in der Regel aus feinkörnigem Sedimentgestein (Schiefer, Sand- oder Speckstein). Mit dieser Technik wurden einfache bis hochdetaillierte Gegenstände gegossen: Gürtelschnallen, Fiebeln, Kinderspielzeug und eben auch Pilgerzeichen. Diese wurden von den Wallfahrenden an ihren Kleidern und Hüten befestigt.



Auf die Rekonstruktion folgt wie immer die Überprüfung ihrer Alltagstauglichkeit - und in diesem Fall zum Schluss ein kleines Rollenspiel unter Mittelalter-Darstellern: Auf der Rückkehr aus fremden Landen hat der Pilger die vergangene Nacht im Kloster Einsiedeln verbracht, wo er mit einer warmen Mahlzeit versehen wurde. Nun sucht er seinen Heimweg der Jona entlang vom Zürichsee Richtung Bodensee. Unterwegs macht er halt, um seine Flasche an diesem sauberen, rasch fliessenden Flüsschen ein weiteres Mal zu füllen.
Nach der Überfahrt über den Bodensee gelangt der müde Pilger nach Meersburg. Hier lässt er sich nieder um auszuruhen und um Almosen zu betteln. Doch wenig Zeit vergeht, bis er vom Hauptmann der Stadtwache aufgeschreckt wird. Da sich Bettler und Diebe  unter dem Vorwand, Pilger zu sein, fest im Städtchen niederlassen, muss der Jakobspilger seine Echtheit anhand seiner Urkunde beweisen. Er erhält nun die Erlaubnis, sich sieben Tage lang in Meersburg aufzuhalten und zu betteln. Anschliessend muss er weiterziehen. Wohin ihn seine Heimkehr führen wird? Vielleicht liegt seine Heimat ganz in der Nähe in einem süddeutschen Ort. Vielleicht hat er aber auch noch viele Tagesmärsche vor sich, möglicherweise sogar bis an die Nordsee. Singend, betend, bettelnd geht er seinen Weg weiter. Mal in einer Gruppe, dann wieder allein, von Kloster zu Kloster, von Stadt zu Stadt.

(Fotos: Isabelle, Christoph und Roger)

Sonntag, 24. Oktober 2010

Rogers Rekonstruktion: Holztrippen




Trippenrekonstruktion am Beispiel einer süddeutschen Holztrippe: die Konstanzer Trippe. Rosengartenmuseum Konstanz, Inv. Nr. V. 616.






Zur zeitlichen Herkunft besteht lediglich die Angabe 14./15. Jahrhundert. Die Konstanzer Trippe ist aus einem einzigen Stück Holz geschnitzt, das sich im Ballenbereich verbreitert und in eine schmale Spitze ausläuft. Auf der unterseite der Sohle befinden sich jeweils zwei Nägel im Fersen- und im Ballenbereich. Diese hielten ursprünglich wohl je ein Stück Leder fest, mit dem die Trittflächen unterlegt waren. Der Unterschuh wurde mit einem aus  zwei Teilen bestehenden Lederriemen am Vorderfuss festgehalten. Beide Riementeile sind seitlich mit Nägeln an der Holzsohle befestigt. Um die Weite des Halteriemens zu regulieren, wurde das eine Ende durch die halbmondförmige Öffnung des anderen Riementeils gezogen.
(Lit. Grew/Neergard "Shoes and pattens" 1988 S. 91- 101)






Holztrippen dienen zwei grundsätzlichen Zwecken: Als Isolation der Füsse gegen den Wärmeverlust an den kälteren Untergrund und als Untersohle zum Schutz der ledernen Schuhe gegen Nässe und Verschmutzung. Ersteres mag der Grund sein, weshalb Trippen in unterschiedlich aufwändiger Machart von der Bevölkerung durch sämtliche soziale Schichten getragen wurde. Während hohe Holztrippen im Schlamm, Sand und Schnee gute Dienste leisten, ist ihr Einsatz auf Steinböden und Kopfsteinpflaster hinderlich bis gefährlich! Wie unsere Tests bewiesen haben, erzeugt das Anbringen von Lederstücken an der Sohle einen gewissen Griff. So ist man sowohl auf morastigen Gassen als auch auf gepflasterten Plätzen einigermassen sicher unterwegs. Zudem verringern die angebrachten Eisennägel den Abrieb der Holzsohle, wodurch die Brauchbarkeit der Trippe deutlich verlängert wird. Für Innenräume sind flache Trippen aus Holz oder Leder eindeutig besser geeignet.


Die Rekonstrution besteht aus Pappelholz. Der überwiegende Teil der Funde aus dieser Periode wurden aus Weiden- oder Pappelholz hergestellt. Ziel der meisten Trippenrekonstruktionen ist, einen leichten, oft fast filigranen Unterschuh aus Holz her zu stellen. Die zähe, filzige Beschaffenheit der oben genannten Hölzer ermöglicht dies - bei hoher Bruchfestigkeit!
(Lit. Vreenegoor/Kuipers "Vondsten in veere" 1996 S.87 - 89)

Dagegen können diese Hölzer nur schwer geschliffen oder bemalt werden. 
Sowohl bei Funden als auch dargestellt auf Gemälden sind die Oberflächen der Trippen daher unbehandelt belassen. Häufig sind die beim Herstellungsprozess entstandenen Schnittspuren von Dechsel und Rundeisen sichtbar. Die oben genannten Darstellungen deuten darauf hin, dass die Trippe in verschiedene sozialen Schichten  als Alltagsgegenstand betrachtet werden kann.

 
(Portrait des Giovanni Arnolfini und seiner Frau. Jan van Eyck, 1434)



Für ihre Inspiration und Unterstützung dankeschön an Marquita und Serge Volken, Schuhmuseum Lausanne.

(alle Fotos: Roger)

Dienstag, 5. Oktober 2010

Rückblick: 4., 5. und 6. September 2009, Turmbelebung in Kaiserstuhl

2009 wurde am Wochenende nach Verenen in Kaiserstuhl ein alter Traum wahr. Da Andrea und Roger (aus Fisibach bzw. Mellikon) aus der Region stammten, hier Familie haben und (in Rogers Fall) in Kaisi zur Schule gegangen waren, hatte die IGZ grundlegend einen starken Bezug zu diesem verträumten Städtchen am Rhein - und insbesondere natürlich zu seinem oberen Turm.
Eine Turmbelebung hatte daher in den Köpfen schon seit einem Jahrzehnt herumgegeistert. Aber wo anfangen? Wie an die nötigen Quellen kommen? Wie sah der aktuelle Wissensstand aus? Da wir quasi "Einheimische" waren und Referenzen von unseren Aktivitäten in anderen Gruppen vorweisen konnten, fanden wir mit unserem Projekt in Kaiserstuhl offene Türen und Ohren. Also erhielten wir die Genemigung, den Turm für unser Projekt zu benützen. Bei der Recherche über die finanzielle und polititsche Situation im Kaiserstuhl des ausgehenden 15. Jahrhunderts trafen wir auf eine für uns ganz wichtige Schlüsselperson: die Historikerin Franziska Wenziger Plüss aus Greiffensee. Als Kennerin der spätmittelalterlichen Quellen im Stadtarchiv sowie anderer Archive im ehemaligen Bistum Konstanz versah sie uns mit Informationen, welche unsere Turmbelebung in vieler Hinsicht prägten. Als Co-Autorin des Hefts "Kaiserstuhl - Archäologische und historische Beiträge zur Frühzeit der Stadt" (Beiträge zur Geschichte des Bezirks Zurzach, Heft 1/1998. Historische Vereinigung des Bezirks Zurzach) hatte sie insbesondere die Lebenssituation der Türmer bearbeitet und konnte uns beispielsweise Auskunft über deren Einkommenssituation geben - was sich in der Wahl unserer Kleidung und unserer Haushaltgegenstände niederschlug. Mit der Zeit hatten wir ausreichendes Grundlagenwissen angesammelt, um einen historischen Kontext für unsere Turmbelebung zu entwerfen: Wir wählten bewusst das Wochenende nach Verenen, wenn zahlreiche Händler und Handwerker, aber auch Raufbolde und Gesindel, den Heimweg rheinaufwärts vom grossen Markt im Flecken Zurzach her über Kaiserstuhl Richtung Bodensee antraten und der Turm von den Türmern und ihren Familien Tag und Nacht bemannt war. Anhand dieses Szenarios  kam dann der Einladungsfilm zustande, der an ausgewählte historische Darstellende verschickt wurde. In der Planung ging es vorwärts, wir kamen bei unseren vorbereitenden Besuchen im Turm immer wieder mit Kaiserstuhlerinnen und Kaiserstuhlern ins Gespräch. Die Reaktionen - zum Beispiel anlässlich eines MA-Picknicks auf dem Turm - waren durchwegs positiv, was sehr motivierend war. Wir lernten Madeleine und Sven von teleKaiserstuhl kennen, die unsere Vorbereitungen und unsere Veranstaltung begleiteten und dokumentierten. Besonders spannend für Andrea und Roger war das Vorab-Interview mit Madeleine auf dem Turm. Das war echt Neuland.

Dann war es soweit. Die Veranstaltung startete. Unsere Freunde vom Ulmer Aufgebot 1475 trafen am Freitagabend ein und es gab eine feierliche Vereidigung der Türmer, mit der originalen Eidformel aus dem Kaiserstuhler Stadtbuch von 1480 (!). Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Am Samstagmorgen luden wir unsere Gönnerinnen und Gönner ein zu einem mittelalterlichen Apéro mit anschliessendem Vortrag durch Franziska, der Gäste wie Darstellende gleichermassen in seinen Bann zog.

Am Sonntagmorgen besuchten wir die Alters- und Pflegewohngruppe, was von den Bewohnerinnen und Bewohnern sehr geschätzt wurde - hatten doch einige von ihnen in den 50er Jahren selbst mit ihren Familien an einer historischen Vorführung im Städtchen mitgewirkt. An den Nachmittagen kamen Kaiserstuhlerinnen und Kaiserstuhler sowie Touristengruppen gleichermassen gern auf einen Besuch in den Turm. Es wurde geschätzt, dass man verweilen, sich austauschen konnte - und dadurch auch einen echten Wissenszuwachs erhielt. So gab es immer wieder einen Kreis aus Interessierten um einen Darsteller oder eine Darstellerin. Die Gespräche drehten sich um alle vorstellbaren Lebensaspekte und wir konnten unser Wissen - immer nach dem derzeitigen Wissensstand - in dieser angenehmen Atmosphäre  ganz ungezwungen weitervermitteln. Telekaiserstuhl haben dies ganz treffend in ihrem Beitrag festgehalten. Unser Fazit nach dieser Veranstaltung: Eine Belebung eines historischen Bauwerks benötigt, wenn seriös gearbeitet werden soll, einen beachtlichen organisatorischen Aufwand - insbesondere, wenn es sich dabei um eine Premiere handelt, also noch keine Erfahrungen mit dem Gebäude, dem Umfeld, den Zulieferern vorhanden sind. Das Zusammensein unter den Darstellenden und besonders der Austausch mit dem Publikum, das Eingehen auf dessen Fragen und Anliegen gewinnt bei einer so kleinen Veranstaltung enorm. Für die Darstellenden - sowohl angereiste Gäste als auch "Einheimische" war beim Ende der Veranstaltung sofort klar: das hat Qualität, das machen wir wieder!



 
Fotos: Andrea, Jürgen und Atall
  


Pressestimmen:
 
Bericht über die Belagerung der Lenzburg durch die CoSG mit 
Hinweis auf die Turmbelebung, Botschaft vom 10.08.2009


Bericht über die Turmbelebung, Botschaft vom 07.09. 2009




Rückblick: 2. Juli 2009, Mittelalterfest in der Primarschule Rümlang

Die Klasse 3a des Schulhauses Rümelbach (Primarschule Rümlang) hatte sich vertieft mit dem Thema Mittelalter beschäftigt. Zum Abschluss dieses Themenkreises veranstalteten Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen ein tolles Mittelalterfest. Es wurde ein Ritterturnier abgehalten, es gab Gesanges- und Tanzvorführungen und es wurde mittelalterlich gekocht - eine beeindruckende Produktion mit selbst gebauten Rüstungen, edlen Gewändern und einem vielseitigen, selbst zubereiteten Mahl.

(Foto: Anita)
 
Geladene Gäste waren die Eltern und Geschwister der Schulkinder - und auch wir von der IGZ durften an diesem fröhlichen Anlass teilnehmen. Als Oberländer Handwerker mit Frau und Schwester waren wir zum Marienheiligtum am Pflasterbach, nahe der Ruine Sünikon gepilgert, um dort für Kindersegen für das Paar und Liebesglück für die Ledige zu beten. Da wir zu lange verweilt waren und in der Taverne "Löwen" in Dielsdorf keinen Platz mehr fanden, waren wir enorm froh um die Verköstigung durch die Rümlanger Kinder.


Der Anlass war für uns eine tolle Erfahrung, wir konnten etwas von dem tun, was uns am meisten Spass macht: das Zusammensein und der Austausch mit Kindern. Der Wissensdurst der Rümlanger Schülerinnen, Schüler und auch ihrer Eltern war da und es kamen für beide Seiten spannende Gespräche zustande. Auch unser Verkleidungskorb wurde rege zur Anprobe mittelalterlicher Hut- und Umhangmode in Anspruch genommen. Nach dem gemeinsamen Abendessen verliessen wir die Primarschule Rümlang wieder, während die Kinder zu einer Übernachtung im Schulzimmer bereits in ihr nächstes Abendteuer starteten. Unser Fazit: Es gibt nichts Tolleres, als mit Kindern in all ihrer Unvoreingenommenheit und Ernsthaftigkeit unsere kulturellen Wurzeln zu erleben!